„Mehrwert schaffen, wo der Hebel unseres eigenen
Knowhows viel höher ist“
Schon ein Jahr nach der Debütanleihe 2024 legt AREAM mit einer Infrastruktur-Anleihe nach – erneut ein Green Bond, aber Investitions-seitig mit deutlich mehr Beinfreiheit. BondGuide sprach aufs Neue mit Group-CEO Markus W. Voigt und René Kautz, Geschäftsführer der Aream Solar Finance.

BondGuide: Herr Voigt, Herr Kautz, aktuell ist die Aream Infrastruktur Finance GmbH mit einer neuen Anleihe am Start, dem Aream Green Bond 2025/30. Wo liegt die Abgrenzung zur Anleiheemission von 2024?
Kautz: Bei der ersten Anleihe der Aream Solar Finance GmbH hatten wir uns darauf fokussiert, die Weiterentwicklung der Projektrechte im Eigenbestand sowie zusätzliche Freiflächen-und Agri-PV-Projektentwicklungen mit und ohne Speicher in Deutschland zu finanzieren. Das hat auch sehr gut funktioniert. Die zweite Anleihe sehen wir als Weiterentwicklung, da sie zeigt, was Aream als Erneuerbare-Energien-Plattform längst zu leisten vermag. Dementsprechend ist die Mittelverwendung viel breiter gefasst, da sie sich vollständig auf den Bereich erneuerbarer Energielösungen in Deutschland konzentriert. Konkret geht es um die Entwicklung, den Bau und den Betrieb u.a. von Energiespeicherlösungen mit oder ohne Photovoltaik- oder Windenergieanlagen, EEG-Innovationsprojekten, gewerblichen Aufdachanlagen, Bioenergieanlagen sowie Energieinfrastruktur, wie Umspannwerke. Um diese Maßnahmen umzusetzen, können wir uns auch Entwicklungskooperationen,
Unternehmensbeteiligungen und den Erwerb von Pipelines vorstellen.
Voigt: PV-Projektrechte bis zur Baureife zu entwickeln, ist eine recht eingeschränkte Aufgabenstellung, wenn man bedenkt, welche zahlreichen anderen Herausforderungen es im Solarbereich gibt, bei denen Aream Mehrwert schaffen kann und wo der Hebel unseres eigenen Knowhows viel höher ist. Daher gehen wir jetzt u.a. viel breiter an das Thema PV-Infrastruktur heran, von Umspannwerken über Netze bis hin zu Betreiberkonzepten, also Energy as a Service.
BondGuide: Und etwas breitere Wirkung wäre mit der Debütanleihe von 2024 nicht möglich?
Voigt: Nein. Das Investitionsprofil, wie es auch im Wertpapierprospekt hinterlegt ist, sieht das nicht vor. Der Brutto
Emissionserlös von rund 8,75 Mio. EUR ist zwar noch nicht vollständig investiert, aber allokiert. Insofern sind dort
die Möglichkeiten nunmehr bereits ausgeschöpft.
Kautz: Nicht zu vergessen, dass mit dem Green-Bond-Status noch eine weitere klare Definition der Verwendungsmöglichkeiten besteht. Über unser Rahmenwerk und die Second Party Opinion sind konkrete Vorgaben gesetzt, was den Emissionserlös angeht.
BondGuide: Dass bei PV-Anlagen heute Batteriespeicher praktisch betriebsnotwendig sind, habe ich schon in anderen Gesprächen gelernt – aber bei Windenergie seien sie angeblich noch überflüssig.
Voigt: Bei der typischen Windkraftanlage auf EEG-Basis ist ein Batteriespeicher heute erst einmal nicht notwendig. Allerdings endet für zunehmend mehr Anlagen der Anspruch auf die feste EEG-Einspeisevergütung, so dass sich hier die Frage stellt, wie die Flächennutzung optimiert und der Ertrag wieder gesteigert werden kann. Neben dem Repowering der Windkraftanlage bietet sich vor allem ein Hybridmodell an, um den bestehenden, so wichtigen
Netzanschluss noch effektiver zu nutzen. Konkret geht es darum, am selben Standort zusätzlich einen Batteriespeicher und ggf. auch eine PV-Anlage zu errichten. Diese mehrfache Nutzung eines einzelnen Netzanschlusses ist sowohl ökonomisch als auch ökologisch sinnvoll.

BondGuide: Und was fällt konkret unter Infrastruktur?
Voigt: Nehmen Sie als Beispiel Umspannwerke. Das könnten wir unter Aream-Führung für zwei oder auch drei
EE-Stromanbieter realisieren, darunter sicherlich auch uns selbst, und dabei sozusagen als die ‚Einsammler‘ des Stroms an diesem Ort dienen. Das beschriebene Hybridmodell, wo wir mit PV und Batteriespeicher eine bestehende Windanlage upgraden, gefällt uns besonders gut.
Kautz: Energy as a Service würde ich auch noch nennen. Konkret bauen wir einem Kunden PV-Anlagen auf sein
Industriedach, verkaufen an ihn aber nicht das Projekt, sondern nur den produzierten Solarstrom. So generieren
wir schnell und planbar Cashflow, während der Kunde keine Anfangsinvestitionen sowie keinen Aufwand für Betrieb und Wartung hat.
Voigt: Wie Sie sehen können, bietet die deutlich erweiterte Mittelverwendung zusätzliche attraktive Opportunitäten
für uns, da wir unsere breit gefächerten Kompetenzen innerhalb der AREAM Group noch wesentlich effektiver nutzen können. Gleichzeitig führt dies auch zu einer entsprechend starken Diversifizierung von Risiken und somit
zu einem verbesserten Chancen-Risko Profil für unsere Anleger.

BondGuide: Unser hiesiger Netzausbau sei doch der Flaschenhals im Gesamtsystem. An dem können Sie aber nicht zufällig auch etwas machen, oder…?!
Voigt: Leider nein – das ist ein Monopolgeschäft der vier großen Übertragungsnetzbetreiber. Mit den erwähnten Hybridmodellen entlasten wir allerdings unsererseits das Netz, da dort der Netzausbau nicht erst noch erfolgen muss.

Kautz: Zumal wir beim Windpark Upgrade mit einer PV-Anlage ja zusätzlich Batteriespeicher mitbringen, die
ihrerseits netzdienlich wirken. Insofern erzielt Aream durchaus eine Wirkung, die gewissermaßen ganz Deutschland
zugutekommt.
BondGuide: Woran hapert es denn beibesagtem Netzausbau? – Deutschland ist doch kein Entwicklungsland.
Voigt: Das Problem ist der einheitliche Stromtarif. Ohne Preisunterschiede fehlt das wichtigste Steuerungssignal
an den Markt. Das führt zu absurden Situationen, in denen z.B. in Bayern Gaskraftwerke angeschmissen werden,
weil ein Windstromüberhang in Mecklenburg-Vorpommern die Strompreise vorübergehend ins Negative gedrückt
hat – mit der Folge, dass erzeugter Solarstrom erst einmal in Batteriespeichern zwischengepuffert wird und
Bayern sonst keinen Strom hätte.
Kautz: In anderen Ländern ist es wesentlich besser geregelt. Dass es bei uns nicht funktioniert, hat mit Länderfinanzausgleich und vielem anderen mehr zu tun, kurzum: Die Politik möchte oder kann nicht. Der Königsweg wäre, jedem ‚Teil-Netz‘ seine eigenen Preissignale zu ermöglichen. Da das offenbar unrealistisch bleibt, arbeitet die Bundesnetzagentur an anderen Anreizmöglichkeiten, u.a. mit der Förderung von Batterie speichern.
Voigt: Es bedeutet natürlich auch ein nochmals komplizierteres Regelungswerk. Damit geht es in Deutschland
gewohnt langsamer voran als in vielen anderen Ländern.

BondGuide: Weshalb unterscheiden wir eigentlich zwischen Industrie- und Privatstrom?
Voigt: Das ist Teil unserer Industrie- und Standortpolitik. Andere Länder halten es ähnlich, teilweise noch drastischer. Gewerbe und Industrie stehen im nationalen und internationalen Wettbewerb – und sie können leicht
abwandern, wenn ihnen die Rahmenbedingungen nicht mehr gefallen. Die Familie im Sauerland wird sich mit so
einer Entscheidung auf Basis ungemütlicher Strompreise eher schwertun.
BondGuide: Im vergangenen Jahr sprachen wir über die Unterschiede im, sagen wir, Standing sowohl der Wind-
wie auch der Solarkraft und waren uns auch einig, dass das einfachere System – also PV – das komplexere langfristig outperformt oder gar verdrängt. Mit einem Jahr Abstand: Werden wir Recht behalten?
Voigt: Absolut. Schauen Sie sich nur an, wie stark die Preise für Speicherlösungen gefallen sind in diesem einen
Jahr. Der PV-Strom ist nicht nur allein schon unschlagbar preiswert, sondern wird jetzt in Kombination mit der Zwischenspeicherung deutlich kosten günstiger als jede andere Technologie.
BondGuide: Nun lesen ich und BondGuide-Leser:innen stets gern ihre regelmäßigen Kolumnen. Da steht aber stets etwas zu Minderperformances in Italien oder Spanien drin, seien es zu wenig Wind oder Abriegelungen. Gibt es den Normalbetrieb mit 100% Zielerreichung überhaupt?!
Voigt: Mit 100% Zielerreichung plant niemand wirklich – das ist ein theoretischer Wert. Ein ordentlicher Kaufmann kalkuliert Störungen stets mit ein. Oder starten Sie zum Beispiel genau nach Anzeige ihres Navis zu einem Termin? Ich nehme doch stark an, Sie brechen etwas früher auf. Die Wirtschaftlichkeit einer Anlage ist zum Beispiel auch mit 85% noch gut, so dass die Rechnung weiterhin auf geht.

BondGuide: Die zehn Gaskraftwerke, die die Bundesregierung noch bauen möchte, um der Dunkelflaute zu begegnen, ist vermutlich nicht die günstigste Variante, oder?
Voigt: Nein, eine flexible Preisstruktur als Steuerungssignal wäre günstiger. In Kalifornien gibt es rund 500 Strompreise – da herrscht Wettbewerb. In Deutschland dagegen baut man seine PV- oder Windanlage dort, wo man den besten Deal mit den Landwirten, auf deren Grund die Anlage steht, verhandelt hat. Wie schnell würde sich das ändern, wenn wir wettbewerbliche Preissignale hätten. Die Batteriespeicher bringen uns langfristig auch dahin – nur deutlich langsamer.
Kautz: Bei aller Kritik wollen wir nicht vergessen, dass wir hierzulande eines der stabilsten Stromnetze der Welt
haben. In den USA ist es gang und gäbe, dass dort immer wieder mal der Strom ausfällt. In Deutschland müssen die Entscheidungsträger einen schmalen Grat zwischen Versorgungssicherheit und günstig/effizient beschreiten – darum beneidet sie niemand. Unser Eindruck ist indes, dass das Pendel derzeit sehr weit Richtung 100%iger Versorgungssicherheit festgehalten wird.

BondGuide: Wie ordnen Sie die aktuelle Regierung ein hinsichtlich Ambitionen zur vermeintlichen ‚Energiewende‘? Und ja, ich weiß: PV wird sich unabhängig irgendeiner Regierung in Deutschland ihren Weg bahnen.
Voigt: Auf kommunaler Ebene macht es schon noch einen Unterschied, welche Partei regiert und das Sagen hat.
Eine Kommune kann durchaus große Hürden auffahren, wenn PV, Wind oder Biogas abgelehnt werden. Auf der großen Linie spielt dies hingegen kaum noch eine Rolle. Die Diskussion um eine Reaktivierung von Atomkraft wird im Sande verlaufen. Der Ausstieg aus Kohle ist unumkehrbar – ebenso wie der Erfolg der Erneuerbaren Energien.
BondGuide: Meine Herren, einmal mehr ganz herzlichen Dank an Sie beide für das tolle Update!
Das Interview führte Falko Bozicevic.

Quelle BondGuide Ausgabe 18/2025

bondguide-18-2025.pdf