Aufdach-PV-Anlagen-Spezialist JES.GREEN kommt nach nur 1 ½ Jahren mit einer weiteren Anleiheemission. Freie Fahrt also endlich für die Photovoltaik? – darüber sprach BondGuide mit den beiden Vorständen Jonas Holtz (CEO) und Jens Rothstein (CFO).

BondGuide: Herr Rothstein, Sie sind seit Herbst vergangenen Jahres als CFO bei der JES.GREEN. Wie zog es Sie von der Pharmabranche zu Solar-Aufdachanlagen und was reizte Sie an der neuen Perspektive in gänzlich anderer Branche? Rothstein: Sie haben es bereits richtig vermutet: Unter anderem besteht der Reiz für mich darin, meine 25 Jahre Erfahrung in den Bereichen Finanzen und Controlling in einer neuen Branche ein[1]zubringen. Aus meiner Sicht gibt es aktuell und vor allem auch langfristig kaum eine spannendere als die Solarbranche, die über das beste Chance-Risiko-Profil innerhalb der Erneuerbaren Energien, eine subventionsunabhängige Wettbewerbsfähigkeit sowie hervorragende Wachstumsprognosen verfügt. Und ich freue mich sehr, dass wir mit der JES.GREEN Invest GmbH einen Beitrag zur Energiewende leisten können. BondGuide: Herr Holtz, als wir anlässlich der ersten Anleiheemission sprachen, konnte noch niemand den Ausgang der Bundestagswahlen absehen – „Wir sind Teil eines echten Wachstumsmarkts“ genauso wenig wie die weitere Entwicklung der Energiepreise inklusive beschworener ‚Energiewende‘. Haben wir seither wenigstens mal Voraussetzungen, wie sie eigentlich schon Jahre zuvor ohnehin hätten sein sollen? Holtz: Die ambitionierten Ziele der Bundesregierung begrüßen wir sehr. Verbesserungspotenzial gibt es natürlich immer. Speziell im Bereich der Aufdachphotovoltaikanlagen sind die Rahmenbedingungen aktuell bereits so ausreichend, dass dieses Segment einen wirkungsvollen Beitrag leisten kann und wir somit Teil eines echten Wachstumsmarkts sind. Und zum Glück bestehen bei Aufdachanlagen – im Gegensatz zu Freiflächenanlagen – keine Risiken aus langjährigen Genehmigungsverfahren, die zahlreichen Einflussfaktoren unterliegen, und es stellt sich auch nicht die Frage nach dem Flächenverbrauch oder der Akzeptanz durch die Bevölkerung. BondGuide: Bei Ihrem Verpachtungsmodell bleibt das Gesamtpaket der Aufdachanlagen ja im Besitz der JES. GREEN, Sie müssen also vorfinanzieren. Deshalb jetzt schon nach relativ kurzer Taktung die neue Anleihe? Holtz: Dass wir bereits nach rund 1,5 Jahren eine neue Anleihe begeben, ist vor allem auf die gute Nachfrage sowie das erwartete und jetzt schon spürbare Marktwachstum zurückzuführen. In der Tat werden wir mit den Mitteln in Deutschland den Erwerb von Aufdachphotovoltaikanlagen – vornehmlich Kleinanlagen, aber auch gewerbliche Aufdachanlagen – durch unsere Toch[1]ter- oder Schwestergesellschaften finanzieren. Wie schon bei unserer Debüt-Anleihe handelt es sich um eine reine Wachstumsfinanzierung in Assets, mit der wir unseren Bestand erneut weiter ausbauen können. BondGuide: Spiegelt sich die Nachfrage auch in der Entwicklung des ersten Quartals 2023 wider: Wie soll es bis Jahresende weitergehen? Rothstein: Die gute Nachfrage führte dazu, dass wir im ersten Quartal 2023 insgesamt 915 Aufdachphotovoltaikanlagen erfolgreich realisieren konnten. Mit diesem Rekordwert konnten wir das Ergebnis des Vorjahresquartals verdreifachen. Bis zum Jahresende sollen rund 4.000 weitere PV-Anlagen installiert werden. Damit verzeichnen wir die an[1]gestrebte Wachstumsdynamik, die dafür sorgt, dass wir mehr als 5.000 neue Auf[1]dachanlagen pro Jahr realisieren können. Ermöglicht wird dies durch unsere deutlich ausgebaute Pipeline, die unsere Basis für profitables Wachstum bildet. BondGuide: Wie stark fährt Ihnen der nunmehr vorherrschende Anstieg der Finanzierungszinsen ins Kontor? – fast Nullzins bei Banken war mal und kommt so rasch nicht wieder. Holtz: Diese Entwicklung spielt uns eher in die Karten und ist ein Grund mehr für unser Verpachtungsmodell, für das sich bereits rund 80% unserer Kunden entscheiden. Denn es ist für die Kunden wirtschaftlich attraktiv und liquiditätsschonend zugleich. Bereits ab dem ersten Tag werden durch die Aufdachanlage über den Nutzungszeitraum von 20 Jahren Kosten eingespart – und zwar ohne jegliche Anschaffungskosten. BondGuide: Nun wird – nicht nur, aber auch – in Deutschland vieles angekündigt, ein wenig was umgesetzt und das meiste nur andiskutiert, noch dazu mit einem Planungshorizont einer Legislaturperiode von vier Jahren. Wenn Sie mal nach vorne blicken, was wären die Wünsche für Sie an die aktuelle sowie womöglich gänzlich andere Koalition? Holtz: Ein großes Problem ist und bleibt die Bürokratie. Es reicht nicht aus, sich nur auf ambitionierte Ziele zu einigen und die Energiewende zur energiepolitischen Priorität zu erklären. Vielmehr ist es zwingend und dringend erforderlich, die Bürokratie abzubauen, Prozesse zu vereinfachen und Normen zu vereinheitlichen – vor allem bei Meldungs- und Anschlussverfahren. Dies wäre wesentlich effektiver, als ständig über Anreize und Subventionen nachzudenken, deren Umsetzung deutlich mehr wertvolle Zeit und Ressourcen kostet. BondGuide: … und was besorgt Sie aktuell am meisten? Oftmals sind es ja Sachen, auf die man keinen Einfluss hat, wie eben Erhöhung des Zinsniveaus sowie behördliche Hürden. Holtz: Wie die gesamte Branche beschäftigen auch uns die Lieferengpässe und Materialknappheit. Allerdings kommt uns hier zugute, dass wir über langjährig gewachsene hervorragende Handelsbeziehungen dank unserer eigenen Großhandelsgesellschaft verfügen. Dadurch können wir unsere Materialbeschaffung weitgehend sicherstellen. BondGuide: Herr Rothstein, die neue Anleihe trägt einen ganze zwei Pro[1]zentpunkte höheren Kupon im Vergleich zur bestehenden Anleihe 2021/26. Hat der CFO da Bauchschmerzen oder nur leichtes Sodbrennen? Wärme soll ein wirksames Mittel sein. Haben wir ja – Klimaveränderung! Rothstein: Ich kann Sie da beruhigen, da weder das eine noch das andere zutrifft. Denn mit 7% p.a. haben wir mit unseren Partnern bestin.capital GmbH und Lewisfield Deutschland GmbH einen aus unserer Sicht marktgerechten, attraktiven Kupon gewählt, mit dem wir uns sehr wohl fühlen – vor allem in Anbetracht unseres zu erwartenden deutlichen Wachstums. Zusätzlichen Komfort gibt uns unser zuverlässig prognostizierbarer operativer Cashflow auf Basis der 20-jährigen Pachtverträge. BondGuide: Meine Herren, ganz herzlichen Dank an Sie beide für Ihre Zeit und ausführlichen Erläuterungen!

Das Interview führte Falko Bozicevic.

Quelle: Bondguide Ausgabe 08/2023, ab S. 14