Dr. Hubertus Bartsch, Geschäftsführer der Neue ZWL Zahnradwerk Leipzig GmbH, über die Neuordnung der Automobilindustrie, Technologieoffenheit, China, Nutzfahrzeuge und die neue Unternehmensanleihe 2026/2031

Letzte Änderung23.09.2026, 09:00

Die Automobilindustrie steht unter erheblichem Kosten-, Technologie- und Wettbewerbsdruck. Für die Neue ZWL Zahnradwerk Leipzig GmbH gilt es, mehrere Entwicklungen gleichzeitig zu steuern: Während die Elektromobilität weiter hochläuft, bleiben Hybrid- und Verbrennerprogramme relevant, chinesische Hersteller erhöhen den Wettbewerbsdruck und im Nutzfahrzeugbereich eröffnen sich neue Wachstumschancen. Hinzu kommt die Finanzierung dieses Wandels. Anlässlich der neuen Unternehmensanleihe 2026/2031 spricht Geschäftsführer Dr. Hubertus Bartsch über die Strategie von NZWL – und darüber, warum Wachstum für ihn nicht allein eine Frage des Umsatzes ist.

 

Herr Dr. Bartsch, Kostendruck, Elektromobilität, China, schwankende Abrufe – was hat sich für einen Automobilzulieferer wie NZWL am stärksten verändert?

Dr. Bartsch: Vor allem die Volatilität ist deutlich gestiegen. Absatzentwicklungen und Plattformentscheidungen lassen sich heute weniger linear fortschreiben als noch vor einigen Jahren. Ende 2025 konnten wir kurzfristig vergebene Motoren-, Verbrenner- und Hybridprojekte bis Mitte 2026 industrialisieren, während parallel neue E-Programme hochliefen. Genau deshalb setzen wir nicht auf eine einzige Technologie- oder Absatzprognose. Mit unseren Standorten in Leipzig, Sučany und Tianjin sind wir in klassischen, hybriden und elektrischen Antrieben aktiv. Das gibt uns die Möglichkeit, regionale und technologische Verschiebungen teilweise auszugleichen. Für uns ist entscheidend, Wachstum in Profitabilität und Cashflow zu übersetzen. Deshalb müssen neue Programme nicht nur Volumen ersetzen, sondern auch Auslastung und Ergebnis stärken.

 

Volkswagen ist Ihr Hauptkunde und selbst mitten in einem tiefgreifenden Umbau. Wie groß ist das Klumpenrisiko für NZWL?

Dr. Bartsch: Unsere langjährige Zusammenarbeit mit dem Volkswagen-Konzern erstreckt sich über verschiedene Marken, Werke, Produkte und Plattformen. Zudem sind wir bei rund 90 Prozent unserer Aufträge Alleinlieferant. Das schafft eine enge industrielle Verzahnung, bringt aber auch eine hohe Verantwortung für Qualität und Versorgungssicherheit mit sich. Parallel verbreitern wir unser Geschäft über andere Kunden, den Nutzfahrzeugbereich und unsere internationale Präsenz. Gerade wenn OEMs ihre Kostenstrukturen überprüfen und Make-or-Buy-Entscheidungen neu bewerten, können sich für spezialisierte Zulieferer wie NZWL zusätzliche Chancen ergeben.

 

Neben der Kundenstruktur verändert sich auch der Antriebsmix. Die Geschwindigkeit der Elektrifizierung wird immer wieder neu bewertet. Ist Technologieoffenheit für Sie inzwischen wichtiger als eine möglichst hohe E-Quote?

Dr. Bartsch: Niemand kann heute den regionalen Antriebsmix für 2030 exakt vorhersagen. Im ersten Halbjahr 2026 entfielen rund 19 Prozent unseres Umsatzes auf Elektro- und Hybridantriebe. Entscheidend ist für uns nicht eine bestimmte Quote, sondern dass neue Programme auslaufende Volumina profitabel ersetzen und im Idealfall überkompensieren. Unsere Kernprozesse bei Verzahnungen, Wellen und Baugruppen können wir in Verbrenner-, Hybrid- und Elektroanwendungen einsetzen. Diese Flexibilität ist ein wesentlicher Vorteil von NZWL: Wir investieren dort, wo konkrete Kundenprogramme und eine wirtschaftliche Perspektive vorhanden sind.

 

Elektroantriebe benötigen weniger bewegliche Teile. Ist das langfristig nicht zwangsläufig ein schrumpfender Markt für einen Zahnrad- und Getriebespezialisten?

Dr. Bartsch: Die Zahl der Komponenten sinkt teilweise, gleichzeitig steigen die Anforderungen an die verbleibenden Bauteile. Hohe Drehzahlen und Drehmomente sowie zunehmende Anforderungen an Wirkungsgrad und Akustik verlangen hochpräzise Komponenten. Bei einem Projekt wurde beispielsweise wegen höherer Drehmomente von Sinter auf Stahl umgestellt. Elektrifizierung macht mechanische Kompetenz also nicht weniger relevant – sie verändert ihre Anforderungen. Für NZWL ist das eine attraktive Entwicklung, weil unsere langjährige Kompetenz bei Verzahnungen, Wellen und der Industrialisierung anspruchsvoller Serien auch in neuen E-Anwendungen gefragt ist. Dabei können wir auf unserem bewährten Prozess-Know-how und unserer bestehenden industriellen Basis aufbauen.

 

Bei MEB und PPE sind Sie bereits in Serie. Wie wichtig ist jetzt der Sprung in die nächste Plattformgeneration?

Dr. Bartsch: Laufende Serien bringen heute Umsatz und Cashflow, die Einbindung in Folgeplattformen entscheidet über das Geschäft von morgen. Bei SSP und Nachfolgern bestehender Plattformen müssen wir uns technisch und kommerziell erneut beweisen. Dass wir bereits in wichtigen Elektroplattformen wie MEB und PPE vertreten sind, verschafft uns dafür eine gute Ausgangsposition: Wir verfügen über Serienerfahrung, etablierte Prozesse und langjährige Kundenbeziehungen, auf denen wir bei den nächsten Plattformgenerationen aufsetzen können.

 

Gleichzeitig wächst der Druck chinesischer Hersteller auf die europäischen Autobauer. Ist China für NZWL derzeit eher Risiko oder Chance?

Dr. Bartsch: Beides. Schwächere Absatzentwicklungen können sich über die Abrufe unserer Kunden unmittelbar bemerkbar machen. Gleichzeitig verfügen wir mit Tianjin über einen lokalen Produktionsstandort und haben mit Great Wall bereits umfassende, wertvolle Erfahrung mit einem chinesischen OEM. Wenn chinesische Hersteller ihre Präsenz in Europa ausbauen, entstehen daraus potenzielle neue Kundenbeziehungen. Umgekehrt erhöht der Wettbewerbsdruck bei europäischen OEMs den Anreiz, Kostenstrukturen und die eigene Fertigungstiefe zu überprüfen. Unser Ziel ist deshalb, Tianjin noch stärker durch lokales Geschäft und lokale Finanzierung zu tragen, grenzüberschreitende Abhängigkeiten zu reduzieren und unsere Präsenz gezielt für zusätzliche Kundenbeziehungen in China zu nutzen.

 

Sie sprechen Outsourcing an. Warum sollte gerade jetzt zusätzliche mechanische Wertschöpfung von den Herstellern zu Zulieferern wandern?

Dr. Bartsch: Die OEMs müssen erhebliche Mittel in Software, Batterie und Elektronik investieren. Damit stellt sich zwangsläufig die Frage, welche mechanischen Prozesse strategisch zwingend im eigenen Haus bleiben müssen. Daraus können Outsourcing-Chancen für spezialisierte Zulieferer wie NZWL entstehen. Für uns ist aber nicht jeder neue Auftrag automatisch attraktiv. Wir betrachten die gesamte Programmlaufzeit einschließlich Investitionen, Anlaufkosten, Material, Finanzierung und Volumenrisiken. Ein Großauftrag mit strukturell negativer Marge schafft keinen Wert. Wachstum ohne Cashflow- und Margenbeitrag ist deshalb keine Option für uns.

 

Wachstum suchen Sie aber nicht nur über zusätzliches Outsourcing. Welche Rolle spielt dabei das Nutzfahrzeuggeschäft?

Dr. Bartsch: Nutzfahrzeuge folgen anderen Zyklen als der Pkw-Markt und stellen hohe Anforderungen an Belastbarkeit und Lebensdauer. Das passt gut zu unseren Kompetenzen bei Verzahnungen und Wellen. Bei Scania wächst unser Lieferumfang, und für Daimler Truck fertigen wir Komponenten für eine E-Achse. Gleichzeitig bleiben in diesem Segment Hybrid- und Verbrennerlösungen relevant. Damit verbreitern wir unsere Kundenbasis und übertragen unsere Kompetenz bei hochpräzisen Zahnrädern, Wellen und weiteren Getriebekomponenten auf einen Markt mit anderen Nachfragezyklen. Das ist hochgradig attraktiv für uns.

 

Kommen wir zu den Zahlen. Der Umsatz ging 2025 zurück und lag auch im ersten Halbjahr 2026 leicht unter Vorjahr. Gleichzeitig hat sich die Profitabilität verbessert. Was ist für Anleger die wichtigere Entwicklung?

Dr. Bartsch: Umsatz allein erzählt nicht die ganze Geschichte. Im ersten Halbjahr 2026 erzielten wir rund 83,0 Mio. Euro Umsatz nach 84,5 Mio. Euro im Vorjahreszeitraum. Gleichzeitig stieg das EBITDA auf rund 8,5 Mio. Euro und das Periodenergebnis drehte wieder leicht ins Plus. Für uns ist entscheidend, Kostenstrukturen, Produktmix und Auslastung so zu steuern, dass aus Umsatz profitables Geschäft wird. Die Entwicklung im ersten Halbjahr zeigt hier weitere Fortschritte. Künftig wollen wir diese operative Verbesserung noch stärker in Cash-Generierung übersetzen.

 

Wo liegt dabei aktuell der größte operative Hebel?

Dr. Bartsch: Entscheidend ist die Synchronisation von Auftrag, Maschine, Werkzeug und Personal. Zusätzliche Kapazität allein erzeugt noch kein profitables Wachstum. Deshalb investieren wir auch in stabile Prozesse, vorbeugende Instandhaltung, qualifizierte Mitarbeiter sowie Automatisierung und KI. Wenn wir dadurch Ausschuss reduzieren, Maschinenverfügbarkeit erhöhen und Durchlaufzeiten verkürzen, können wir vorhandene Kapazitäten produktiver nutzen und die Profitabilität steigern, ohne dass Wachstum proportional höhere Investitionen erfordert.

 

Profitables Wachstum erfordert dennoch Investitionen und eine verlässliche Finanzierung. Welche Rolle spielt dabei die neue Anleihe 2026/2031?

Dr. Bartsch: Wir wollen unsere Finanzierungsstruktur frühzeitig und vorausschauend gestalten – das hat sich in der Vergangenheit bewährt. Die neue fünfjährige Anleihe mit einem Volumen von bis zu 15 Mio. Euro verbindet deshalb den Umtausch der Anleihen 2021/2026 und 2022/2027 mit der Finanzierung von Wachstum und neuen Produkten. Damit wollen wir Fälligkeiten glätten und zugleich finanziellen Spielraum für produktive Investitionen und neue Kundenprogramme schaffen. Entscheidend bleibt aber: Zinsen und Tilgungen müssen letztlich aus der operativ erwirtschafteten Liquidität getragen werden können.

 

Die Anleihe 2021/2026 nähert sich ihrer Fälligkeit. Ist NZWL bei der Rückzahlung auf ein hohes Umtauschvolumen angewiesen?

Dr. Bartsch: Nein, keineswegs. Wir betrachten Umtausch und Rückzahlungsfähigkeit als zwei unterschiedliche Themen. Zum 30. Juni 2026 verfügte die NZWL-Gruppe über liquide Mittel von rund 20,4 Mio. Euro. Dem steht bei der Anleihe 2021/2026 – nach einem bereits erfolgten Umtauschangebot im Jahr 2025 – noch ein Volumen von rund 7,1 Mio. Euro gegenüber. Selbstverständlich benötigen wir Liquidität auch für Working Capital, Investitionen und den laufenden Betrieb. Der Umtausch dient vor allem dazu, unsere Fälligkeitsstruktur vorausschauend zu gestalten. Anleger erhalten zugleich die Möglichkeit, ihr Engagement in NZWL bei weiterhin attraktiver Verzinsung über eine neue fünfjährige Laufzeit fortzuführen.

 

Wenn wir fünf Jahre vorausblicken: Woran sollen Anleger erkennen können, dass NZWL zu den Gewinnern der Transformation der Automobilindustrie gehört?

Dr. Bartsch: Für mich wären dafür drei Entwicklungen entscheidend: Wir wollen unser Geschäft über Kunden, Regionen und Antriebsarten konsequent verbreitern, neue Programme in Elektromobilität und Nutzfahrzeugen erfolgreich in profitable Serie überführen und unsere Kapitalbasis aus eigener Ertragskraft weiter stärken. Dafür verfügen wir bereits heute über eine starke industrielle Basis und sind in unterschiedlichen Märkten und Antriebstechnologien positioniert. Wenn es uns gelingt, diese Aufstellung konsequent in steigende Ertragskraft und Cashflows zu übersetzen, dann hätte NZWL die Transformation nicht nur erfolgreich bewältigt, sondern auch für profitables Wachstum genutzt. Genau daran wollen wir uns messen lassen.

 

Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg bei Ihrer Emission.

„Entscheidend ist, Wachstum in Profitabilität und Cashflow zu übersetzen.“ | wallstreetONLINE – 23.09.2026