„Entscheidend ist, was wir mit dem Kapital erwirtschaften“

NZWL-Chef Dr. Hubertus Bartsch über neue Serien, E-Mobilität, China und die zwölfte Anleihe – mit einem erneut hohen Kupon von 9,875%.

BondGuide: Herr Dr. Bartsch, was hat sich seit unserem letzten Gespräch vor ziemlich genau einem Jahr messbar getan? Was würden Sie operativ besonders hervorheben?
Bartsch: Messbar ist vor allem, dass wir trotz eines weiterhin schwierigen Automobilmarkts unsere operative Profitabilität verbessert haben. Im ersten Halbjahr 2026 lag der Konzernumsatz mit rund 83 Mio. EUR zwar leichtunter dem Vorjahresniveau, doch gleichzeitig sind EBITDA und EBIT gestiegen. Parallel haben wir weiter in neue Serien investiert – allein im ersten Halbjahr 2026 rund 4,7 Mio. EUR. Um die operative Entwicklung der vergangenen zwölf Monate einzuordnen, muss man allerdings etwas weiter zurückgehen. Bereits 2024 haben wir unsere Kapazitäten für die E-Mobilität deutlich ausgebaut. Bei den PPE- und MEB-Projekten mussten wir kurzfristig zusätzliche Fertigungskapazitäten übernehmen, weil ein anderer Lieferant die vorgesehenen Mengen nicht darstellen konnte. Ursprünglich ging es um rund 300.000 Wellen jährlich, perspektivisch um bis zu 900.000. Für uns war das operativ anspruchsvoll, hat aber zugleich gezeigt, dass wir auch unter hohem Zeitdruck zusätzliche Volumina in die Serienfertigung bringen können. Im weiteren Verlauf des Jahres gingen die Abrufe allerdings deutlich zurück.
BondGuide: Das klingt nach einem ziemlich klassischen Fall von: Der Kunde braucht die Teile – und Sie müssen plötzlich eine Lösung finden, obwohl die dafür vorgesehene Infrastruktur gar nicht vorhanden ist.
Bartsch: Entscheidend war, dass wir die zusätzlichen Kapazitäten nicht nur technisch, sondern auch finanziell und vertraglich sehr kurzfristig darstellen mussten. Maschinen mussten beschafft beziehungsweise umgebaut, Prozesse neu programmiert und einzelne Fertigungsschritte auf andere Anlagen verlagert werden. Gleichzeitig mussten Vorfinanzierungen und Garantien sauber geregelt werden. Das bindet zunächst Kapital, schafft uns aber zusätzliche Produktionskapazität fürdie betreffenden Serien. Für unsere
Kunden war vor allem wichtig, dass wir lieferfähig waren.
BondGuide: Und wie haben Sie das technisch gelöst?
Bartsch: Wir haben zusätzliches Equipment integriert, bestehende Maschinen umgebaut und einzelne Arbeitsgänge neu auf verschiedene
Anlagen verteilt. Hinzu kamen teilweise grundlegende Änderungen in der Maschinenprogrammierung. Das Entscheidende war unsere umfassende Erfahrung mit solchen Hochläufen: Dank des Know-hows unserer Mitarbeiter konnten wir die zusätzlichen Kapazitäten vergleichsweise schnell in die laufende Produktion integrieren und so die Lieferfähigkeit gegenüber unseren Kunden sicherstellen. BondGuide: Sie haben angesprochen, dass sich die Abrufe noch im Jahr 2024 deutlich verändert haben. Wie hat sich das auf Ihr Geschäft ausgewirkt?
Bartsch: Im zweiten Halbjahr 2024 sind die Abrufe unserer Kunden in der E-Mobilität deutlich zurückgegangen, und gerade das vierte Quartal war für uns schwierig. Anfang 2025 hat sich das Bild dann wieder gedreht: Wir haben die Kapazitäten verdoppelt und parallel zwei weitere Wellenprojekte hoch gefahren. Damit hatten wir drei Serien gleichzeitig im Hochlauf. Das hat zunächst zusätzlich Personal und Liquidität gebunden. Inzwischen haben sich die Hochläufe stabilisiert, sodass wir die aufgebauten Kapazitäten zunehmend besser nutzen können.
BondGuide: Was hat Ihnen geholfen, diese Schwankungen aufzufangen?
Bartsch: Uns hilft, dass wir nicht von einer einzelnen Antriebsart oder einem einzelnen Fahrzeugsegment abhängig sind. Wir liefern Komponenten für Verbrenner, Hybrid- und reine Elektroantriebe sowie für Pkw und Nutzfahrzeuge. Im ersten Halbjahr 2026 entfielen beispielsweise rund 19% unseres Umsatzes auf Elektro- und Hybridantriebe. Gleichzeitig wächst
unser Nutzfahrzeuggeschäft: 2025 haben wir den Lkw-Umsatz in Europa um 45% gesteigert. Hinzu kommen neue Anwendungen im Premiumsegment. Für Lamborghini liefern wir beispielsweise Komponenten für die elektrifizierte Vorderachse einschließlich spezieller Untersetzungsgetriebe. Diese Mischung hilft uns, Schwankungen einzelner Programme oder Antriebsarten abzufedern. Hinzu kommt, dass wir auch regional auf unterschiedlichen Märkten aktiv sind.
BondGuide: Das bringt uns zu China: Ich habe tatsächlich Werbung Ihres Partners Great Wall Motors im deutschen Fernsehen gesehen – das dürfte für deutsche Konsumenten noch relativ neu sein. Wie wichtig wird diese Diversifizierung für die NZWL?
Bartsch: Great Wall ist für uns ein wichtiger Kunde, aber entscheidender ist die strategische Positionierung dahinter. Wir produzieren in China und können dort sowohl internationale als auch chinesische OEMs bedienen. Damit erweitern wir unsere Kundenbasis und verbreitern zugleich unsere regionale Aufstellung. Für uns ist entscheidend, nicht von der Entwicklung eines einzelnen Herstellers abhängig zu sein.
BondGuide: Bei VW schwächelt das China-Geschäft jedoch derzeit. Gleichzeitig läuft es bei anderen Herstellern offenbar besser. Ist China für NZWL damit eher Risiko oder Chance?
Bartsch: Für uns ist China zunächst ein eigenständiger Produktions- und Absatzmarkt. Unser Werk in Tianjin produziert überwiegend für Kunden in China. Gleichzeitig basieren viele unserer Produkte und Fertigungsprozesse auf Technologien, die wir auch in Europa einsetzen. Das gibt uns eine gewisse operative Flexibilität: Bei Bedarf können die Standorte einzelne Volumina gegenseitig unterstützen, auch wenn
aufgrund kundenspezifischer technischer Anforderungen nicht jedes Bauteil beliebig zwischen Europa und China verlagert werden kann. Strategisch ist für uns vor allem wichtig, dass wir seit rund zwölf Jahren vor Ort produzieren und den Markt, die Behördenstrukturen und die Anforderungen der OEMs sehr gut kennen. Diese Erfahrung ist für uns ein wichtiger Vorteil, wenn es um weitere Projekte in China geht.
Für uns ist entscheidend, nicht von der Entwicklung eines einzelnen Herstellers abhängig zu sein.
BondGuide: Dann liegt die Frage nahe: Wenn China sich doch recht gut entwickelt – bräuchte NZWL dort nicht eigentlich ein zweites Werk?
Bartsch: Wir prüfen, welche zusätzlichen Kapazitäten in China mittel- bis langfristig sinnvoll sein könnten. Eine solche Entscheidung würden wir aber an konkrete Kundenaufträge und eine belastbare Auslastungsperspektive knüpfen. Wir würden also nicht auf Verdacht zusätzliche Kapazitäten aufbauen. Entscheidend ist, ob sich daraus ein nachhaltig tragfähiges Geschäft entwickelt und die erforderlichen
Investitionen entsprechend rentieren.

BondGuide: Wechseln wir zum Kapitalmarkt. Selbst nach inzwischen zwölf Anleihen liegt der Kupon der neuenNZWL-Anleihe wieder bei 9,875%. Warum kommt ein etablierter Kapitalmarktemittent davon nicht stärker
herunter?
Bartsch: Der Kupon muss aus unserer Sicht zunächst marktgerecht sein und die aktuellen Bedingungen am Anleihenmarkt berücksichtigen. Gleichzeitig betrachten wir die Anleihe nicht isoliert, sondern als einen Baustein unserer langfristigen Finanzierungsstruktur.
Wir haben in den vergangenen Jahren bewusst unterschiedliche Fälligkeiten aufgebaut und beginnen mit Refinanzierungen frühzeitig, statt erst kurz vorEndfälligkeit reagieren zu müssen. Bei der neuen Anleihe geht es einerseits um den Umtausch bestehender Anleihen 2021/26 und 2022/27. Frische Mittel fließen uns dagegen nur aus Neuzeichnungen zu. Diese Mittel sollen unsere Finanzkraft für Wachstumsinvestitionen und neue Produkte bei Hybrid-, alternativen und elektrischen Antrieben stärken.
BondGuide: Dann ist der hohe Kupon aus Ihrer Sicht also nicht nur eine Frage des aktuellen Marktumfelds, sondern Teil eines größeren Finanzierungskonzepts?

Bartsch: Entscheidend ist für uns, was wir mit dem aufgenommenen Kapital erwirtschaften können. Bei einem Kupon von 9,875% müssen die damit finanzierten Investitionen natürlich mehr verdienen, als uns die Finanzierung kostet. Deshalb investieren wir gezielt in konkrete Serien, Produkte und Kundenprogramme, bei denen wir eine belastbare wirtschaftliche Perspektive sehen. Dass sich unsere operative Profitabilität verbessert hat, zeigt die Entwicklung im ersten Halbjahr 2026: Trotz leicht rückläufiger Umsätze ist die EBITDA-Marge von 9,3 auf 10,2% und die EBIT-Marge von 3,3 auf 4,5% gestiegen. Diesen Weg wollen wir fortsetzen, denn für unsere Finanzierungsfähigkeit kommt es letztlich darauf an, nachhaltig Erträge und Cashflows zu erwirtschaften.
BondGuide: Herr Dr. Bartsch, vielen Dank für das neuerliche Gespräch und natürlich auch Ihnen viel Erfolg!
Das Interview führte Falko Bozicevic.

bondguide-20-2026.pdf